Freitag, 17. Februar 2012

Die Grabung „Franziskuskapelle“



Szene während der Ausgrabung "Franziskuskapelle" 1970/71 (Foto: LfDHM)

In den 1970er Jahren wurde Marburg, wie viele andere vom Krieg weitgehend verschonten Altstädte, von einer Abriss- und Neugestaltungswelle erfasst. Viele heute schmerzlich vermisste Baudenkmäler fielen dem Konzept der „Verkehrsgerechten Stadt“ zum Opfer. Im Umfeld der Elisabethkirche sollte der pittoreske Ketzerbach verrohrt werden. Der kleine Bach verlief seit dem Mittelalter südlich der Elisabethkirche, aber das Rohr sollte nun nördlich der Kirche verlegt werden.
Auf Druck der Denkmalpflege wurde der Marburger Geschichtsstudent Ubbo Mozer mit der Ausgrabung beauftragt, der die Kampagne über die folgenden eineinhalb Jahre unter zeitweise sehr widrigen Bedingungen leitete.
35 Jahre später nahm sich der Mittelalterarchäologe Dr. Rainer Atzbach M.A. das bevorstehende Elisabethjubiläum zu Anlass, um sich der Auswertung der Grabung „Franziskuskapelle“ anzunehmen. Die Dokumentation besteht aus Planums- und Profilzeichnungen auf 200 Din-A3 Plänen. Zu den einzelnen Plänen gehörte noch jeweils eine Durchzeichnung auf Pergamentpapier auf denen die Nivellements eingetragen waren. Dazu kommen noch 200 Dias und etwa 400 Schwarzweißfotografien, 12 Din-A5 Fundzettelbücher und ebenso viele Notizbücher in die Ubbo Mozer seine täglichen Tätigkeiten und Beobachtungen eingetragen hatte. Als Fundmaterial umfasst etwa 600 Fundkartons unterschiedlicher Größe mit Keramik, Metallobjekten, Knochen, Schlacken, Holzkohle und Architekturfragmenten.
Rainer Atzbach nahm es auf sich, mit einer kleinen Schar motivierter Studenten des Vorgeschichtlichen Seminars in Marburg, diese Dinge zu systematisieren. Die Grabungstagebücher wurden abgetippt, die Funde gesichtet und die wesentlich erscheinenden gewaschen, aufgenommen und gezeichnet. Die Originaldokumentation wurde teilweise gescannt und mit CorelDraw vektorisiert.Die Dias wurden gescannt und die Schwarzweißfotos den verschiedenen Schnitten zugeordnet. Anläßlich des 700jährigen Elisabethjubiläums 2007 wurden die Ergebnisse der Auswertung publiziert.

Grabungsschnitte der Ausgrabung "Franziskuskapelle" 1970/71 (Grafik: M.Platz)
 Nur zwei Jahre später wurde in dem Bereich nördlich der Kirche noch einmal flächig ausgegraben. Die Schwierigkeiten vor denen Rainer Atzbach bei seiner Auswertung stand, wie die genaue Lokalisierung der Grabungsschnitte, das Einhängen der Profile und die Deutung einzelner Befunde konnten dadurch im Nachhinein gelöst werden.
Die Autorin konnte jetzt die Grabung „Franziskuskapelle“ im Rahmen ihrer Dissertation noch einmal aufrollen. Die zeichnerische Dokumentation wurde nun vollständig gescannt und im Programm AutoCAD entzerrt, vektorisiert und genau lokalisiert. Sie konnte dabei auf die Vorarbeit des Kollegen zurückgreifen.
Die Befunde sind sehr vielfältig darunter Baubefunde, zwei Glockengussgruben, Befunde zur Wasserent- bzw. versorgung und einiges mehr. Aber dazu in einem anderen Post.


 R. Atzbach, Marburgs heiligster Ort. Ausgrabungen 1970/71 am Standort der Hospitalgründung der heiligen Elisabeth, Marburger Stadtschr. Gesch. u. Kultur 88 (Marburg 2007)
Die Seite von Rainer Atzbach im Netz: http://atzbach.heimat.eu/
Er arbeitet zur Zeit als Assistant Professor an der Universität von Aarhus: http://pure.au.dk/portal/da/markra@hum.au.dk


1 Kommentar:

  1. ...Glückwunsch zur gelungenen Lokalisierung der Schnitte! Ich bin froh, dass wir mit Lineal und alten Katasterplänen die Schnitte "nach Aktenlage" ziemlich gut getroffen haben, insbesondere die beiden "frei schwebenden" auf der Hoffläche waren knifflig

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