Sonntag, 25. März 2012

Heilige Elisabeth von Thüringen – Archäologie einer historischen Persönlichkeit



Elisabeth von Thüringen ist eine der wichtigsten katholischen Heiligen im deutschsprachigen Raum. Ihre Strahlkraft reicht auch weit in den Protestantismus und scheint bis heute ungebrochen. So wurden die Orte ihres Lebens und ihr Grab immer wieder Ziel von archäologischer Forschung. Gibt es ein Bedürfnis, mehr über ihr Leben zu erfahren, indem wir die Reste ihrer Wohnstatt und ihres Hospitals ausgraben?

In Deutschland verlassen immer mehr Menschen die Kirchen, aber die Nachfrage nach religösen Angeboten wie Pilgerreisen, Exerzitien oder „Kloster auf Zeit“ wachsen. Die spirituelle Literatur zu charismatischen Persönlichkeiten des Mittelalters füllt ganze Regalwände. Zwei Frauen stehen dabei ganz besonders im Fokus von Selbstfindungskursen und Finde-Deine-Innere-Mitte-Wochenenden. Die Heilige Hildegard von Bingen und die Heilige Elisabeth. Die Google-Suche nach Elisabeth von Thüringen ergibt über 1.300000 Treffer. Das ist für eine mittelalterliche Königstochter beachtlich.
Ihre Frömmigkeit besteht zusammengefasst aus folgenden Punkten: sie lehnte sämtlichen Prunk und Reichtum ab, um in völliger Armut zu leben. Sie widmete sich dem Gebet, der Sorge um die Armen und Kranken und entsagte allen weltlichen und fleischlichen Genüssen. Ihr geistiger Begleiter war Konrad von Marburg, der als einer der brutalsten Inquisitoren Deutschlands in die Geschichte eingehen sollte.
Warum ist ausgerechnet diese Frau eine der spirituellen Shootingstars der Selbstfindungsszene des  aufgeklärten 21. Jahrhunderts? Auf diese Frage gibt es die unterschiedlichsten Antworten, aber an dieser Stelle geht es um die Orte an denen Elisabeth wirkte.

Archäologie um eine historische Persönlichkeit

Archäologie wird in Deutschland in der Regel dort betrieben, wo für ein großes Bauvorhaben ein tiefer Bodeneingriff für die Kellerebene, Versorgungsleitung etc. notwendig wird. An diesen Stellen wird erst sondiert, dann unter großen Zeitdruck gegraben und dokumentiert, um die Reste menschlicher Geschichte schließlich wegzubaggern.
Ist dieser Platz aber der Wohn- oder Sterbeort einer wichtigen Persönlichkeit, wie Karl der Große, Martin Luther oder Adolf Hitler, ist das öffentliche Interesse enorm, als würde der Geist dieser Person noch in den erhaltenen Kellergewölben, Fundamentresten oder Vorratsgruben anwesend sein. Jede gefundene Scherbe könnte ein Teil des Kochtopfes gewesen sein, in dem der oder diejenige ihre Suppe gekocht hat. Dem Archäologen vor Ort scheint dieses manchmal etwas absurd, aber er unterstützt die Medien, da er von der Aufmerksamkeit profitiert. Im Lichte der Öffentlichkeit ist es leichter, Forschungsgelder zu akquirieren und sich selbst oder einem Kollegen wieder zwei, drei Jahre einen Arbeitsvertrag zu sichern.

Elisabeth von Thüringen und die Archäologie

Zwei deutsche Orte sind mit dem Leben dieser jungen Frau besonders verbunden: Eisenach und Marburg. Hoch oben über Eisenach thront die Wartburg als Wahrzeichen der Stadt und der gesamten Region. Bauforschung und Archäologie werden in dem Weltkulturerbe seit Jahrzehnten mit einem nicht geringen Medienecho betrieben. Die junge Elisabeth hat hier einen Teil ihres kurzen Lebens verbracht und unterhalb der Burg ihr erstes Hospital gegründet.
Die Wartburg wird in dem offiziellenFlyer der Unesco-Welterbestätten nicht nur als ein der „besterhaltenen Burgen des deutschen Mittelalters“ sondern es werden auch die Rollen Elisabeths, Martin Luthers oder des Sängerstreits betont.
In Marburg verbrachte Elisabeth ihre letzten Jahre. Die Elisabethkirche ist eine der ersten rein gotischen Kirchen im heutigen Deutschland. Aber würde sie jedes Jahr so viele Besucher anziehen, wenn dort Elisabeth nicht bestattet wäre? Gäbe es im evangelischen Teil Hessens, ohne das Elisabethgrab, eine Pilgerreise nach Marburg?

Ich glaube man muss sich als Archäologe bewusst sein, dass die Faszination für Marburg und die Wartburg mit Elisabeth von Thüringen unmittelbar verbunden ist. 

Freigelegte Fundamente, Brunnen, Funde aus Keramik oder Metall werden in der Öffentlichkeit mehr mit Elisabeth in Verbindung gebracht als mit einen virtuellen historischen Kontext. So wird aus einem einfachen Keramikbecher aus Dreihäuser Steinzeug, den man bei einer Ausgrabung an der Elisabethkirche gefunden hat, der Becher der Elisabeth. Auch wenn solche Becher zu hunderten aus Ausgrabungen in der Region gefunden wurden und er überhaupt nicht in die Zeit Elisabeths datiert, das ist der Becher der Elisabeth…Punkt. 

Die historische Bedeutung eines Objekts macht die Geschichte des Ortes, an dem es gefunden wurde.


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