Sonntag, 24. Juni 2012

Albert Huyskens und die Archäologie der Elisabethkirche


In den letzen hundert Jahren haben sich einige Historiker mit den materiellen Hinterlassenschaften der Heiligen Elisabeth in Marburg auseinandergesetzt. Albert Huyskens war der erste Historiker, der die Grabungsergebnisse mit den Schriftquellen in Beziehung setzte und seine Forschungen hatten entscheidenden Einfluß auf die Interpretationen der Befunde.

Albert Huyskens war Historiker und weilte von 1901 bis 1911 in Marburg, wo er sich intensiv mit den Quellen der heiligen Elisabeth auseinandersetzte.[1] Seine Quellenedition „Quellenstudien zur Geschichte der Hl Elisabeth. Landgräfin von Thüringen“ ist noch heute eine der Forschungsgrundlagen. Der Band ist in mittelmäßiger, aber brauchbarer Scanqualität im Netz abrufbar. (hier)
Zu den wichtigsten Entdeckungen von ihm gehören die Schriften des Caesarius von Heisterbach, eine Vita der Heiligen Elisabeth und eine Predigt, die Caesarius anlässlich des Jahrestages ihrer Translation 1236 schrieb. Die Quellen gehören zu den besteditierten Quellen und sind deshalb auch wohl am besten erforschten.
Huyskens hat sich sehr genau auch die Ergebnisse der damaligen Ausgrabungen angeschaut und schreibt dazu in seinen Quellenstudien:
„Nachgrabungen haben genau die Lage der alten Franziskuskapelle klargestellt. Ihr Ort wurde vor allem bestimmt durch das Grab der Heiligen Elisabeth, denn in der Hospitalskapelle wurde die Landgräfin begraben. /…/ Zufällige Funde des Restaurators der Elisabethkirche (1854 ff.) und spätere 1883 vom Geschichtsverein betriebene Nachforschungen haben nun erwiesen, daß das Grab in der Mitte eines 40 m langen und 10 m breiten durch eine Apsis nach Osten geschlossenen Raumes lag, der natürlich nur die Hospitalskapelle sein kann. Nach dem Westabschluß zu fanden sich stärkere Fundamente, sodaß die Annahme nicht von der Hand zu weisen ist, daß hier eine Turmanlage gestanden hat.“[2]
Zeichnung der Befunde der Altgrabung von 1883 aus: A. Huyskens, Der Hospitalbau der Hl. Elisabeth und die erste Wallfahrtskirche zu Marburg, In: Zeitschr. Ver. hessische Gesch. u. Landeskunde  43, 1909, 131

 Aber Huyskens belässt es nicht bei den Beschreibungen der Ausgrabungen, er versucht die Grabungsergebnisse mit den Schriftquellenanalysen in Beziehung zu setzen.
Huyskens hatte damals folgendes Problem: Er sah die Fundamente eines langgestreckten Baues vor sich, der mit 30m Länge (er übertreibt ein bisschen) und 10m Breite keine kleine Kapelle gewesen sein dürfte.
In den Quellen ist aber die Rede von einer „capella modica“/ einer bescheidenen Kapelle.[3] Zudem hat sich Elisabeth zu Lebezeiten dem franziskanischen Armutsideal verschrieben und hat nach ihrer Ankunft in Marburg ausschließlich unter ärmlichsten Verhältnisse gelebt, gleichso wie die Ärmsten der Armen der mittelalterlichen Welt.
Die Grabungsbefunde passten nicht ins Forschungsbild. Also suchte Huyskens nach einer Lösung.
Die Lösung: Die Kapelle der Elisabeth war eine Kirche aus Fachwerk, errichtet aus Holz und Lehm. Die vorgefundenen Steinfundamente mit einem Turm im Westen gehörten zu einem späteren Bau, der nach Elisabeths Tod zwischen 1231 und 1235, dem Baubeginn der Elisabethkirche, entstanden sein soll. Der Bau soll das Patrozinium des Heiligen Laurentius getragen haben und wird in der Forschung fortan Konradsbau genannt werden.[4]
Die Idee des Konradsbau hat sich, wie das in der archäologischen Forschung häufiger passiert, verselbstständigt und ist bis heute zu lesen. Ein vollständige Analyse habe ich natürlich vorgenommen und sie wird in meiner Dissertation irgendwann auch zu lesen sein.
Albert Huyskens war Katholik und wird es im reformierten Marburg nicht leicht gehabt haben. Auch die katholische Frömmigkeit dieser Zeit ließ ein solches Grabungsergebnis einfach nicht zu. Nach seiner Zeit in Marburg hat es Albert Huyskens nach Aachen verschlagen, wo er Leiter des Stadtarchivs und sogar Professor an der dortigen Universität wurde.

Sein Nachlass liegt im Stadtarchiv in Aachen, eine Einsicht konnte mir leider nicht gewährt werden, weil er laut Auskunft des Archivs nicht aufgearbeitet ist.


A.Huyskens, Quellenstudien zur Geschichte der Hl Elisabeth. Landgräfin von Thüringen (Marburg 1908)

A. Huyskens, Der Hospitalbau der Hl. Elisabeth und die erste Wallfahrtskirche zu Marburg, In: Zeitschr. Ver. hessische Gesch. u. Landeskunde  43, 1909, 129-143

A.Huyskens, Der sog. Libellus de dictis quatuor ancillarum sancte Elisabeth confectus (Kempten/München 1911)

A.Huyskens, Die Schriften des Caesarius von Heisterbach über die heilige Elisabeth von Thüringen: Das Leben der heiligen Elisabeth. Die Predigt über ihre Translation, in: A.Hilka (Hrsg.)Die Wundergeschichten des Caesarius von Heisterbach 3.Publikationen der Gesellschaft für rheinische Geschichtskunde XLIII (Bonn 1937) 329-390




[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Albert_Huyskens Stand 24.7.2012)  Der Wikipedia-Artikel ist recht gut und gibt auch über die Nazivergangenheit Huyskens Auskunft. Siehe auch: http://archiv.twoday.net/stories/5063111/(Stand 24.7.2012)
[2]  A.Huyskens, Quellenstudien zur Geschichte der Hl Elisabeth. Landgräfin von Thüringen (Marburg 1908) 96-97
[3] E. Könsgen (Hrsg.) Caesarius von Heisterbach. Das Leben der heiligen Elisabeth und andere Zeugnisse, Veröff. Hist. Kommission Hessen 67,2 = Kleine Texte mit Übersetzungen 2 (Marburg 2007)
[4] A. Huyskens, Der Hospitalbau der Hl. Elisabeth und die erste Wallfahrtskirche zu Marburg, In: Zeitschr. Ver. hessische Gesch. u. Landeskunde  43, 1909, 129-143

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