Mittwoch, 6. Juni 2012

Analyse von Schriftquellen – Warum man sich nicht auf Historiker verlassen darf

Die schriftliche Überlieferung zur Heiligen Elisabeth, ihrem Hospital und ihrer Grabeskirche gelten als gut editiert und ausgewertet. Dennoch ist eine Neubetrachtung  im Lichte neuer Grabungsergebnisse notwendig, denn die Analyse des Historikers zielt vielleicht in eine andere Richtung.

Als Mittelalterarchäologen beschäftigen wir uns mit den materiellen Hinterlassenschaften der Menschen in historischer Zeit. Achtung Binsenweisheit: Deswegen ist es für Archäologen wichtig, die aussagefähigen Schriftquellen zu bearbeiten.
In den Abschlußarbeiten unseres Faches ist es inzwischen selbstverständlich, dass alle Schriftquellen ebenso herangezogen werden wie die materielle Hinterlassenschaft in und über der Erde, z.B. in Form aufgehend erhaltener Gebäude. Das ist auch gut so.
Im Falle der Elisabethkirche ist es so, dass die historische Forschung sich bereits seit dem 18. Jahrhundert mit der Heiligen Elisabeth auseinandersetzt. Auch die Forschung zur Deutschordensansiedlung und  der Elisabethkirche selbst beginnt im 19. Jahrhundert. Die Literatur füllt ganze Regalwände und es gibt sogar schon eine Dissertation, die sich nur mit der Forschung zur Heiligen Elisabeth auseinandersetzt.[1] (Die Arbeit war ursprünglich über die Budapester Universität zugänglich, ist aber über die Webseite nicht mehr zu finden.  Hinweise dazu freundlichst erbeten.)
Einige dieser Arbeiten beschäftigen sich mit dem Hospital der Elisabeth und beziehen sich auch konkret auf archäologische Grabungsergebnisse. Zu nennen:  Albert Huyskens, Wilhelm Mauerer, Mathias Werner und zuletzt Ursula Braasch.[2]
Alle diese Aufsätze sind richtig, wichtig und sehr gut zu gebrauchen, aber es gibt ein Problem: Die Autoren sind Historiker und keine Archäologen. Historiker denken anders als Archäologen. Sie haben andere Fragestellungen, sie gewichten ihre Argumente anders und sie erachten andere Textpassagen als wesentlich und unwesentlich.
Die Krux an der Interdisziplinarität ist nicht die Quellen der Nachbardisziplin richtig zu verwenden, sondern die Fragestellungen des anderen Wissenschaftlers zu verstehen. Viele Details, die dem Archäologen von Bedeutung sind, sind dem Historiker vollkommen egal. Das betrifft zum Beispiel Ausstellungsdaten von Ablassbriefen und deren Korrelation mit Dendrodaten am stehenden Bau, oder Überlieferungen über eine Blei- oder Ziegeldeckung eines Gebäudes. Für solche Informationen hat ein Historiker keine Verwendung, weil er andere Fragestellungen verfolgt. Andersherum interessiert es manch einen Archäologen eher weniger, ob Marburg nun das Withum der Elisabeth war, oder der Ersatz für das Withum, eine Fragestellung mit der sich Mathias Werner intensiv auseinandersetzt und die ich als Fußnote angemerkt habe.
Deswegen müssen auch gut editierte Quellen bei einer archäologischen Auswertung neu betrachtet werden.


[1] A. Korányi, Leben und Biographie: Die heilige Elisabeth von Thüringen und Ungarn im Spiegel der wissenschaftlichen Forschung des 20. Jahrhunderts. Diss. Univ. Budapest http://phd.okm.gov.hu/ disszertaciok/ ertekezesek/2004/de_1671.pdf [14.01.2010]
[2] A. Huyskens, Der Hospitalbau der Hl. Elisabeth und die erste Wallfahrtskirche zu Marburg, in: Zeitschr. Ver. hessische Gesch. u. Landeskunde  43, 1909, 129-143/ W. Maurer, Die heilige Elisabeth und ihr Marburger Hospital, in: Jahrbuch der hessischen kirchengeschichtliche Vereinigung 7, 1956, 36-69/ M. Werner, Die Heilige Elisabeth und die Anfänge des Deutschen Ordens in Marburg, in: E. Dettmering-R. Grenz (Hrsg.), Marburger Geschichte. Rückblick auf die Stadtgeschichte in Einzelbeiträgen (Marburg 1980) 121-164/ C. Meiborg/ U. Braasch-Schwersmann, Elisabeth von Thüringen. Ihr Hospital und die Deutschordensniederlassung im 13. Jahrhundert. Archäologischen Baubefunde und schriftliche Überlieferung, in: Mitteilungsblatt Deutschen Ges. für Arch. Mittelalters u.Neuzeit 23, 2011, 197-218

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