Sonntag, 3. Juni 2012

Der Einfluss des franziskanischen Armutsgedankens auf die Interpretation der Befunde in und um die Elisabethkirche in Marburg an der Lahn

Vollständiger Abdruck meines Vortrages am 30.5.2012 bei der Sitzung der Deutschen Gesellschaft für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit in Friedrichshafen am Bodensee.

Die Heilige Elisabeth ist eine der bekanntesten und meist verehrtesten mittelalterlichen Heiligen in Mitteleuropa. Sie ist die Patronin Hessens, Ungarns, des Deutschen Ordens und der Deutschen Franziskanerprovinz. Sie ist die Schutzheilige der Witwen und Weisen, der Schwangeren, der Bettler, der Kranken, der Kinder, der Bäcker und der Rosenzüchter.  Ein paar Daten zur Biografie, für Sie zum Überblick:
Elisabeth wird 1207 in Ungarn geboren. Sie kommt 1211 auf die Wartburg nach Thüringen. 1221 mit Landgraf Ludwig VI verheiratet. Aus der Ehe stammen drei Kinder:  Hermann, Sophie und Gertrud. 1226 schwört Elisabeth ihrem geistigen Mentor Konrad von Marburg Gehorsam und ein Leben in Enthaltsamkeit und Armut zu leben, soweit ihr das als Mitglied des Europäischen Hochadels möglich ist. 1227 stirbt ihr Mann auf dem Kreuzzug. 1228 kommt sie nach Marburg und gründet dort ein Hospital unter der Obhut von Konrad von Marburg. Elisabeth stirbt 1231 und wird in der Hospitalskapelle bestattet. 1233 stirbt Konrad von Marburg. 1234 wird das Hospital dem Deutschen Orden übergeben. 1235 wird Elisabeth heilig gesprochen und im gleichen Jahr wird der Grundstein der Elisabethkirche gelegt.

Durch die heutige mittelhessische Stadt fließt die Lahn, die das Marburger Bergland in zwei Höhenzüge teilt, die Lahnberge im Westen und der Marburger Rücken im Osten. Über der Stadt erhebt sich das Marburger Schloß, das in seinem Ursprung wohl auf das 11. Jahrhundert zurückgeht. Von Westen her fließt die kleine Ketzerbach in die Lahn, die über die Jahrhunderte ein ansehnliches Tal in den Sandstein gespült hat. An der Ketzerbachmündung in die Lahn liegt die heutige Elisabethkirche, also genau an der Schnittstelle zweier Täler.

Wie bei den meisten Kirchenbauten von einer gewissen Bedeutung gab es auch in der Elisabethkirche bereits im 19. Jahrhundert Ausgrabungen. Die ersten Grabungen wurden 1854 durchgeführt, man fand diesen langgestreckten Bau von fast 30m Länge. Er war innen weiß getüncht, ganz im Westen fand sich ein einspringendes Türgewände und im mittleren Bereich ein einsames Pfeilerfundament. 1883 wurden Nachgrabungen durchgeführt, die die Ergebnisse im wesentlichen bestätigten. Albert Huyskens ordnete 1909 in seinem folgenschweren Artikel diesen Bau historisch ein. Da Elisabeth, wie überliefert, eine Anhängerin des franziskanischen Armutsgedankens war, muss der abgebildete Vorgängerbau nach Elisabeths Tod errichtet worden sein. Er löste, so Huyskens, einen Fachwerkbau ab, die überlieferte „Capella modica“ die bescheidene Kapelle, das Hospital der Elisabeth. Das Hospital wurde, wie überliefert, auf der grünen Wiese gegründet. Die Idee von dem Fachwerkhospital, zu dem es keine archäologischen Befunde gibt, ist inzwischen vom Tisch, aber der franziskanische Armutsgedanke spukt weiter in den Köpfen der Forschung.

Die nächsten Untersuchungen sollten erst wieder 1970 -71 stattfinden und zwar im Zuge der Verrohrung des eben bereits erwähnten Ketzerbaches. Der Bach floß ursprünglich südlich der Elisabethkirche in einem Kanal und mündete in das Schwarze Wasser, einen Altarm der Lahn. Die Grabungsleitung wurde dem Marburger Geschichtsstudenten Ubbo Mozer übertragen. Die Auswertung konnte er selbst leider nicht durchführen, da das Geld fehlte. Zum Elisabethjahr 2007 konnte der Kollege Herr Rainer Atzbach einen Teil der Grabung  zusammen mit Studenten auswerten und monografisch vorlegen. 1997 gab es kleinere Beobachtungen, als eine Heizung eingebaut wurde und seit 2006 fanden und finden dort im Umfeld großflächige Untersuchungen statt unter der Leitung von Frau Christa Meiborg vom Landesamt in Marburg.
Ich selbst werte die Ausgrabungen von 2006 bis 2009 im Rahmen meines Dissertationsprojektes aus. Die Grabungen 1970/71 wurden dabei mit einbezogen und inhaltlich, wenn nötig, neu bewertet.

Die aktuelle Forschung geht davon aus, dass Elisabeth nach Marburg kam und dort ihr Hospital im Lahntal außerhalb der Stadtmauern gründete.
Von ihrem Leben in Marburg sind drei wesentlich wichtige Quellenwerke überliefert: der Libellus – eine Zusammenstellung von Zeugenaussagen für die Heiligsprechung Elisabeths, die Summa Vitae, eine Art Empfehlungsschreiben für die Heiligsprechung an Gregor IX und die Vita Sancte Elisabeth von Caesarius von Heisterbach, der weder Elisabeth noch Marburg vor dem Bau der Elisabethkirche kannte. In diesen Quellen wird die Armut, Demut, Selbsterniedrigung und Aufopferung logischerweise konsequent betont. Das betrifft natürlich auch die Beschreibung der Gebäudesituation, wie „Capella modica“ bescheidene Kapelle und die Beschreibung ihres Wohnhauses „donec Marpurch constructa fuit ei dumuncula humilis ex materia luti et lignorum“ ein niedriges Häuschen  errichtet aus Holz und Lehm sprich Fachwerk.
Überblicksplan der vorgestellten Befunde (Screenshot Powerpointfolie) Grafik: M. Platz

Das wesentliche ist es nun natürlich herauszufinden, was sich denn auf diesem Platz abgespielt hat, bevor die Elisabethkirche dort errichtet worden ist. Ich habe nun auf einem Plan ein paar Befunde zusammengestellt, die darüber Auskunft geben. Es gibt noch mehr Befunde aus der Zeit der Hosptalsgründung nördlich der Kirche, unter anderem das Fundamentmauerwerk von Fachwerkgebäuden, aber die sollen hier nicht besprochen werden.
Zu sehen sind hier der Vorgängerbau, etwa 30 m lang mit einer Apside im Osten und einen Turm im Westen. Den schauen wir uns gleich genauer an. Im Süden sehen wir eine nord-süd-verlaufende 1m starke Mauer mit vorgelagerter Berme und  Graben und zwei innen angebauten Fundamenten, die vermutlich zu Fachwerkhäusern gehören.
Nordprofil mit Graben, Auszug aus der Originalbeschreibung und Planausschnitt zur Orientierung (Screenshot Powerpointfolie) Grafik: M.Platz

Auf diesem Plan wird deutlich, dass die nord-süd verlaufende Mauer in zwei Anschnitten freigelegt wurde, der südliche Teil 2006 und der nördliche Teil zwei Jahre später 2008. Der hier gezeichnete Graben wurde während der Grabung nicht als solcher interpretiert und somit ist ihm wenig Bedeutung beigemessen worden. Der Befundzusammenhang mit der Mauer wurde erst während der Auswertung klar.
Ich habe hier das gezeichnete Profil abgebildet, auf dem deutlich wird, dass die Grabensohle während der Untersuchung nicht erreicht wurde. Es war natürlich wichtig herauszufinden, in welchen Zusammenhang der Graben mit der Elisabethkirche steht. Er ist älter, weil die hier gelb markierte Schicht die Planierung ist, in die die Baugrube der Elisabethkirche eingetieft wurde. Das heißt, der Graben wurde spätestens dann zugeschüttet, als der Baugrund für den gotischen Neubau errichtet wurde, vielleicht früher. Die Mauer und der Graben bestanden aber sicher gleichzeitig, was stratigrafisch nachzuweisen ist.
Der Graben ist in die Zeit um Zwölfhundert oder  früher einzuordnen.

Spannend ist, dass der Graben eine Breite von 5 m hat. Bei den Grabungen auf dem Marburger Markt wurde auch ein Graben freigelegt, der wohl in die Zeit der zweiten Stadterweiterung 1180/90 unter den Ludowingern, also den Landgrafen von Thüringen, einzuordnen ist. Auch dieser Graben hatte eine Breite von 5m.

Bislang ist man davon ausgegangen, dass der Westturm mit einer Kantenlänge von 10m an den Saal angebaut wurde. In dem kleinen Befundkatalog, der in dem Mitteilungsblattder DGAMN von vergangenem Jahr publiziert wurde, ist zu lesen, dass der Mörtel des Turmes sich in die Fugen des Saalbaumauerwerkes schmiegt und dass deswegen der Turm jünger sein muss als der Saal.
Übersicht über besprochenden Befunde an Turmfundament (Screenshot Powerpointfolie) Grafik: M.Platz

An dieser Zeichnung wird als erstes deutlich, dass die Mauerdraufsicht, zeitnotbedingt, nicht vollständig freigelegt werden konnte. Zweitens erkennt man nicht sofort, um was für ein Mauerwerk es sich handelt. Das Gebäude hat eine Kantenlänge von 10m und eine Mauerstärke von 2,80m, solche Gebäude sind in der Regel ein zwei Schalen-Mauerwerk, Außen- und Innenschale und ein Füllmauerwerk. Das ist hier schwierig zu erkennen, was wohl daran liegt, dass die Mauerkrone in diesem Bereich nicht vollständig von dem darüberliegenden Schutt entfernt wurde.
Es ist anzunehmen, dass der Vorgängerbau im Zuge der Bauvorbereitung der Elisabethkirche abgerissen wurde und über die Fundamente planiert wurde. Diese Planierung dürfte Teile des Abbruchschutts enthalten haben und eben auch Mörtel, der sich  in den Fugen neu carbonatisierte. Das Hineinschmiegen von Mörtel aus dem darüberliegenden Abbruchhorizont in Fugen darunterliegender, älterer Baustrukturen, ist kein stratigrafisches Argument. Und ein Argument ist es nur dann, wenn dieser Bereich von dem darüberliegenden Schutt befreit ist, was hier aufgrund des Zeitdruckes wohl nicht möglich war.

Das Finden von schlagkräftigeren Argumenten ist hier erhaltungsbedingt etwas schwieriger. Zum einen erkennen wir an den Ecken etwa 80cm starke Hausteine, die möglicherweise das Fundament einer Eckverquaderung darstellen. Desweiteren erkennen wir unter dem Abbruchschutt im Osten des Turmes eine Hausteinreihe hervorspitzen. Diese Steine haben auch eine Stärke von 60- 70 cm. Sie könnten der Unterbau für eine aufwendigere aufgehende Quadermauer sein. So starke Quader verwendet man in der Regel nicht, wenn man gegen eine bestehende Mauer baut. Auch eine Eckverquaderung an einer Stoßkante ist weniger üblich.
Der Turm ist zudem erheblich tiefer fundamentiert als der Saal. Das heißt, dass, wenn der Turm jünger wäre, das Fundament des Saalbaues untergraben wurde. Dieses Argument ist nicht unbedingt schlagend, weil so etwas technisch möglich wäre, aber es ist doch ein Hinweis. 
Ich denke also, dass der Turm älter ist als der Saal und zunächst allein stand.

Nun ist die Frage, wie diese Befunde zu interpretieren sind. Es gibt aus der Zeit auch noch mehr Befunde nördlich der Elisabethkirche, darunter Fachwerk- und auch Steinbebauung und auch östlich der Kirche wurde erst jüngst ein weiterer langgestreckter westost ausgerichteter Bau freigelegt.
Wir haben eine 30m lange und 10m breite Baugruppe vor uns mit einem Turm im Westen, der vermutlich zunächst allein stand, einem Saal und einer Kapelle im Osten. Der Terminus Saalbau ist natürlich in Anführungszeichen gesetzt, da dieser in den möglichen oberen Geschossen  untergliedert gewesen sein könnte. Zudem haben wir eine 1m starke nordsüdverlaufende Mauer mit vorgelagerter Berme und  5m breitem Graben. Meine Idee wäre nun die Interpretation als Burganlage: eine befestigte Anlage in der Ebene unterhalb der Marburger Burg an der Schnittstelle zweier Täler, dem Lahntal und dem Ketzerbachtal.
Wie ist das mit der Überlieferung von der grünen Wiese überein zu bringen? Gar nicht, aber es ist in mehrerer Hinsicht plausibel. Elisabeth war Angehörige des europäischen Hochadels mit gewissen Fürsprechern wie dem Bischof von Bamberg, der seine Nichte nicht in einer Scheune hätte wohnen lassen. Marburg war Elisabeths Morgengabe, somit ist die Wahl ihrer Hospitalgründung plausibel. 1967 hat Kurt Meschede bereits die These einer befestigten Anlage an dieser Stelle geäußert. Er begründete das mit der Ortsbeschreibung, die Caesarius von Heisterbach für das Hospital wählt: „in vallis planiciae“ in der befestigten Ebene. In den Schriftquellen fehlt eine Beschreibung einer Marburger Niederungsburg. Die Überlieferung zu Elisabeths Leben beschränkt sich auf die Unterlagen zur Heiligsprechung, in der ihre Armut und Selbstaufopferung selbstverständlich überbetont sind. Dass Überlieferungen von Burgen, auch von großen Anlagen fehlen, ist vom hohen bis ins späte Mittelalter sehr oft der Fall. Die scheinbare Nichterwähnung ist also kein Beweis für eine Nichtexistenz. Desweiteren ist die nord-süd-verlaufende Mauer mit vorgelagertem Graben nicht wegzudiskutieren.
Grafische Aufarbeitung der Häufigkeit von 10m mal 10m Kantenlänge bei Kirchtürmen in Mittelhessen von Elmar Altwasser nach Gerd Seib (Screenshot Powerpointfolie) Grafik: M.Platz Statistik: E.Altwasser

Elmar Altwasser hat einmal für mich die Mauerstärken von nordhessischen Kirchtürmen statistisch zusammengefasst. Die Grafik beruht auf der Zusammenstellung von Gerhard Seib zu Kirchenburgen in Hessen. Es wird sehr deutlich, dass eine Mauerstärke von 2,80 m und einer Kantenlänge von 10 mal 10 m zwar vorkommt, aber eher unüblich ist. Spannender ist, dass genau diese Maße bei Wohntürmen bzw. Bergfrieden im ludowingischen Herrschaftsgebiet häufiger vorkommen. Eine zusammenfassende Publikation zu diesen Burganlagen stammt von Herrn Strickhausen.

Über die Heilige Elisabeth, über ihr Hospital, die Elisabethkirche selbst und ihre franziskanische Frömmigkeit sind meterweise Artikel und Bücher geschrieben worden. Die Forschung beginnt im 18. Jahrhundert und geht bis heute. Dieses starke Forschungsinteresse resultiert zum einen in der starken Verehrung der Heiligen Elisabeth in den katholischen Gemeinden bis heute, aber auch in dem Konfessionskonflikt, da Marburg ja evangelisch ist. Der bereits erwähnte Albert Huyskens war zur Abfassung seines Beitrags 1909 ein frommer Katholik, Archivar im protestantischen Marburg, für ihn wäre ein steinernes Hospital der Heiligen Elisabeth undenkbar gewesen und so erfand er ein Fachwerkhospital und versuchte aus den Schriftquellen einen steinernen Neubau, den Konradsbau, zwischen dem Tod der Elisabeth 1231 und dem Bau der Elisabethkirche zu beweisen. Seine Beweisführung habe ich vollständig geprüft und konnte sie widerlegen.
Der franziskanische Armutsgedanke ist der Leitgedanke im Leben der Heiligen Elisabeth von Ungarn und Thüringen. Aber er ist auch ein Gespenst in der Interpretation der Befunde im Umfeld der Elisabethkirche zu Marburg.

Literatur:  
E. Altwasser, Archäologische Bodenuntersuchungen auf dem Marburger Marktplatz und in dessen Umfeld, in: Magistrat der Stadt Marburg (Hrsg.) Der Marburger Markt. 800 Jahre über und unter dem Pflaster. Festschrift zu Fertigstellung der Neugestaltung des Marburger Marktplatzes, Marburger Stadtschriften zur Geschichte und Kultur 59 (Marburg 1997) 35-53

C.Meiborg/U.Braasch-Schwersmann, Elisabeth von Thüringen. Ihr Hospital in Marburg und dieDeutschordensniederlassung im 13. Jahrhundert. Archäologische Baubebefunde undschriftliche Überlieferung, in: Mitteilungsblatt Deutschen Ges. für Arch.Mittelalters u. Neuzeit 23, 2011, 197-218

M. M. Platz, Die vergessene Burg der Heiligen Elisabeth. Neue Betrachtungen über die Vorbebauung der Elisabethkirche in Marburg, in: Hessische Heimat 2/3 2011, 2012, S. 77-81  


G. Seib, Wehrhafte Kirchen in Nordhessen, Beiträge zur hessischen Geschichte 14 (Marburg 1999)
G. Strickhausen, Zur Entwicklung der Marburger Altstadt im Hochmittelalter, in: Magistrat der Stadt Marburg (Hrsg.) Der Marburger Markt. 800 Jahre über und unter dem Pflaster. Festschrift zu Fertigstellung der Neugestaltung des Marburger Marktplatzes, Marburger Stadtschriften zur Geschichte und Kultur 59 (Marburg 1997) 11-34
 
G. Strickhausen, Burgen der Ludowinger in Thüringen, Hessen und dem Rheinland, Quellen und Forschungen zur hessischen Geschichte 109 (Darmstadt und Marburg 1998)

 


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