Freitag, 10. August 2012

Die Sakristei der Elisabethkirche in Marburg


Die Sakristei der Elisabethkirche in Marburg ist eine der schönsten nahezu vollständig erhaltenen Sakristeien in Deutschland aus dem 13. Jahrhundert.
Erst einmal zum Begriff: Also eine Sakristei ist ein vom eigentlichen Chor und vom Laienraum getrennter Raum mit überwiegend funktionaler Bedeutung. Hier werden liturgische Bücher, Gewänder und Gerätschaften aufbewahrt. In Marburg ist sie auch ein Aufbewahrungsort für Reliquien. So wird der berühmte Schrein der Heiligen Elisabeth dort seit wahrscheinlich 1326 aufbewahrt. Woher man das so genau weiß? Um den Schrein befindet sich ein Gitter, in dessen oberen Abschluss sich Blechfiguren mit Wappen befinden, die genau das Fürstentreffen von 1326 in Marburg darstellen. Aber das nur am Rande.
Die Sakristei ist im Nordosten der Elisabethkirche an die Ostkonche angebaut. Das spannende dabei, sie war von vornherein geplant, ist aber erst später gebaut worden. Ohne hier näher auf die Baugeschichte der Elisabethkirche einzugehen nur ein paar Daten zum Verständnis: Das Dachwerk der ersten zwei Joche des Langhauses ist dendrochronologisch (Jahrringdatierung von Holz) auf plus/minus 1248 datiert. Das heißt, die drei Konchen, die den Chor bilden, haben zu dieser Zeit unter Dach bereits gestanden. Das Dachwerk der Sakristei ist ebenfalls dendrochronologisch datiert auf etwa 1266. Früher hat man sehr lange angenommen hat, dieser funktionale Anbau wäre nochmals 20 bis 30 Jahre jünger. 

Bild: M. Lemberg, Die Grablegen des hessischen Fürstenhauses. Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen 71 (Marburg 2010) S. 20 Beschriftung: M.Platz

In der Sakristei befinden sich, wie bereits erwähnt, der kostbare Schrein der Heiligen Elisabeth, geschützt durch ein schmuckes, mittelalterliches Gitter, mehrere Wandschränke und ein gotischer Schrank. Die Wandschränke sind acht Wandnischen, die mit mittelalterlichen Holztüren geschlossen werden können. Die Holztüren sind rot und grün gefasst oder sogar noch mit Leder überzogen und mit schmiedeeisernen Scharnierbändern bestückt.
Bemerkenswert finde ich den Fussboden der Sakristei: Ein Plattenmosaikfussboden aus grün, schwarz und gelb glasierten Ziegeln. Leider ist der Boden nur noch direkt unter dem Schrein im Original erhalten, alles andere ist rekonstruiert. Aber die Restauratoren hatten ein gutes Vorbild, nämlich den Schmuckfussboden der Burgkapelle im Marburger Schloss, der in die Zeit um 1300 eingeordnet wird, also ein bisschen später eingebaut wurde. Virtueller Rundgang durch die Kapelle hier.
Ähnliche Fußböden finden sich zum Beispiel im Kapitelsaal der Prämonstratenserabtei Rommersdorf, in der Bibliothek des Zisterzienserklosters Eberbach, oder im Mittelschiff der Prämonstratenserkirche in Arnstein. Mehr dazu hier:
Solche Fußböden sind im 13 und frühen 14. Jahrhundert in Deutschland östlich des Rheins etwas besonderes, weil die Technik des Keramikglasierens nicht verbreitet war. Glasieren meint, das Überziehen der Fliesen mit einer flüssigen Glasur, die durch das Brennen eine glatte farbige Oberfläche bildet. Sieht aus wie Glas und ist es rein technisch gesehen auch. Glasierte Gebrauchsgeschirre gibt es in Hessen erst etwas später. 
Bild:T.Albrecht/ R. Atzbach, Elisabeth von Thüringen. Leben und Wirken in Kunst und Kulturgeschichte (Augsburg  2007) S. 101

Der Schmuckfussboden, das reich dekorierte Gitter um den Schrein der Elisabeth und das aufwendige Gewölbe zeugen davon, dass dieser rein funktionale Ort auch einen repräsentativen Charakter hat. Der Raum, in dem die Heilige Elisabeth ruht soll doch wenigstens herzeigbar sein, wenn es schon nicht ein Platz in der Kirche selbst sein sollte.

H.Kier, Der mittelalterliche Schmuckfussboden unter besonderer Berücksichtigung des Rheinlandes (Düsseldorf 1970)

A.Köstler, Die Ausstattung der Marburger Elisabethkirche. Zur Ästhetisierung des Kultraums im Mittelalter (Berlin 1995)

A.Schaich, Mittelalterliche Sakristeien im deutschsprachigen Gebiet. Architektur und Funktion eines liturgischen Raums (Kiel 2008)

G. Strickhausen, Die Elisabethkirche in Marburg B Kirche des Deutschen Ordens, in: Wartburg-Gesellschaft B Germanisches Nationalmuseum, Burgen kirchlicher Bauherren, Forsch. Burgen u. Schlössern 6 (München 2001) 139-156

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